Virtualisierungsgrad

Aus E-Learning in der Lehre
Wechseln zu: Navigation, Suche

Lehrveranstaltungen, in denen mit digitalen Medien gearbeitet wird, lassen sich nach den Anteilen differenzieren, den diese am Umfang der Veranstaltung ausmachen. Es hängt von der Zielsetzung und dem Arbeitsaufwand des Lehrenden ab, welchen Virtualisierungsgrad eine Veranstaltung erreicht. Die Übergänge zwischen allen Konzepten sind fließend. Der Grad der Virtualisierung sagt nichts über die dahinter liegende didaktische Konzeption aus.

Es lassen sich drei übergeordnete Konzepte unterscheiden:
Virtulisierungsgrad.PNG

Anreicherungskonzept = Anreicherung der Präsenzlehre durch Bereitstellung von Materialien mit Hilfe digitaler Medien

Integrationskonzept = Kombination von Online (Selbstlern-) und Präsenzphasen, um die Vorteile beider Veranstaltungsformen nutzen zu können

Virtualisierungskonzept = Online-basierte Veranstaltungen mit oder ohne tutorielle Betreuung [1]

Anreicherungskonzept

Vom Anreicherungskonzept spricht man, wenn klassische Formen der Lehre weitestgehend beibehalten und durch den begleitenden Einsatz von digitalen Medien unterstützt werden. Präsenzveranstaltung und digitale Medien stehen im Konzept der Lehrveranstaltung nebeneinander. Die Veranstaltung könnte auch ohne deren Einsatz durchgeführt werden. Digital zur Verfügung gestellte Inhalte und die korrespondierenden Medien nehmen eine rein ergänzende Funktion ein. Sie können der Unterstützung der Organisation der Lehrveranstaltung, der Verteilung von Materialien zur Wiederholung und Vertiefung oder der Kommunikation dienen. Sie können auch zur Visualisierung und der Erhöhung der Interaktivität während der Veranstaltung eingesetzt werden.

Alle klassischen Lehrveranstaltungen, wie Vorlesung, Seminar, Übung, Praktikum, lassen sich durch digitale Elemente ergänzen.

In Betracht kommen zum Beispiel die folgenden Verwendungszwecke (wobei kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben wird):
Mögliche Szenarien nach Virtualisierungsgrad

Während der Veranstaltung:

  • Visualisierung der Inhalte durch den Einsatz von digitalen Folien, Bildern, Graphiken, Videos, Animationen, Simulationen etc.
    • erhöht die Aufmerksamkeit
    • ermöglicht einen anderen Zugang durch visuellen Kanal
    • ermöglicht dadurch andere Verarbeitung
    • verbessert dadurch die Behaltensleistung
  • Feedback der Teilnehmer erfragen durch den Einsatz von Audience Response Systemen (TED)
    • aktiviert die Lernenden durch interaktives Element
    • erhöht die Aufmerksamkeit
    • steigert die Motivation
    • liefert Rückmeldung zur kontinuierlichen Verbesserung der Veranstaltung

Organisation der Lehrveranstaltung:

  • Distribution von Materialien (z. B. Dokument, Videos, Links) durch Foren, Websites, Lernplattformen
    • einfache Verteilung
    • Anfertigung physischer Kopien entfällt
    • zentraler Ablageort
    • Kategorisierung und Systematisierung möglich
    • Zugriffsberechtigungen können vergeben werden
  • Kommunikation der Beteiligten über E-Mail (-Verteiler), Foren, Chat, Videokonferenz
    • alle Teilnehmer können gleichzeitig über Termine oder Änderungen informiert werden
    • inhaltliche Themen können über die Präsenzzeit hinaus vertieft und diskutiert werden
      • Interesse der Teilnehmer kann aufgegriffen werden
      • fördert die Motivation zur Auseinandersetzung mit den Inhalten

Integrationskonzept

Das Integrationskonzept bezieht Online- und Präsenzphasen als gleichwertige Teile in die Lehrveranstaltung ein. Beide Phasen beziehen sich aufeinander und sind integraler Bestandteil des didaktischen Konzepts der Veranstaltung. Nur im Zusammenspiel beider Teile ist das Ziel der Veranstaltung zu erreichen.

Je mehr sich der Schwerpunkt der Veranstaltung in die Onlinephase verschiebt, desto wichtiger ist die tutorielle Betreuung der Lernenden in dieser Phase. Der Lehrende muss sich der Verschiebung seiner Rolle vom Wissensvermittler hin zum Coach oder Tutor bewusst sein.

Alle Lehrveranstaltungen, die Phasen selbständiger, selbstgesteuerter Arbeit der Lernenden enthalten, sind in einer Form denkbar, die Onlineanteile und Präsenzphasen integriert. Im Integrationskonzept lässt sich eine Nutzung der Vorteile sowohl der Online- als auch der Präsenzphase erreichen. So können die jeweiligen Nachteile ausgeglichen und ein höherer Lernerfolg erreicht werden.

Des Weiteren kann eine Flexibilisierung der Lehre erreicht werden, indem der übliche wöchentliche Rhythmus der Präsenzphasen aufgebrochen wird. Ein größerer Anteil der Zeit, die für Präsenztermine vorgesehen ist, kann für Selbstlernphasen reserviert werden. Präsenztreffen werden nun nicht mehr wöchentlich, sondern in längerem Abstand durchgeführt. Bei Lehrveranstaltungen mit hohen Teilnehmerzahlen können dadurch Lernende in mehreren, kleineren Gruppen an versetzten Terminen betreut werden. Die Nutzung der Präsenztreffen kann dadurch intensiviert werden, weil die Kommunikation innerhalb der Gruppe und zwischen Gruppe und Lehrendem verbessert wird und die Lernenden durch die mit digitalen Medien gestützte Selbstlernphase besser vorbereitet sind.

Zu beachten ist, dass durch die Verschiebung von großen Anteilen der Veranstaltung in den Onlinebereich nicht den für die Veranstaltung zur Verfügung stehenden Zeitrahmen sprengt. Dazu muss genau gekennzeichnet werden, welche Inhalte, die online bereitgestellt werden, obligatorisch zu bearbeiten sind und welche der fakultativen Vertiefung dienen.

Beispiel für den Einsatz digitaler Medien im Integrationskonzept:

Das Konzept eignet sich insbesondere für Szenarien wie den „Inverted Classroom“ (auch bekannt als „Flipped Classroom“). Hierbei wird die zeitliche Verteilung von Wissensvermittlung und Übung vertauscht. Die Lernenden erarbeiten sich die Lehrinhalte selbständig zu Hause, Übungen und Vertiefungen finden in der Präsenzphase statt. Der Inverted Classroom kann mit Hilfe einer Lernplattform realisiert werden, auf der die Selbstlernmaterialien bereitgestellt werden. Das können vorab aufgezeichnete Vorlesungen sein, Texte mit Leitfragen, Audiodateien, Simulationen etc. Begleitend kann ein Forum eingesetzt werden, über das inhaltliche Fragen gesammelt oder geklärt werden. In der Präsenzphase wird das zuvor Gelernte geübt und vertieft. Der Lehrende kann auf Fragen eingehen und die Veranstaltung den Interessen, Stärken und Schwächen der Lerngruppe anpassen.

Virtualisierungskonzept

Im Virtualisierungskonzept ist die gesamte Veranstaltung in den virtuellen Raum verlegt. Den Studierenden werden Materialien zum Erlernen, Üben und Testen von Wissen angeboten. Sie erhalten Arbeitsaufträge und liefern ihre Ergebnisse in elektronischer Form online ab. Sie erhalten i.d.R. auch das Feedback und die Bewertung online. Dies kann zum großen Teil automatisiert erfolgen, soweit das Fachgebiet und die Gestaltung der Tests des Kurses dies zulassen (z. B. Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften). In anderen Fachbereichen, in denen Arbeitsergebnisse eher in Textform vorliegen (z. B. Aufsätze, Fallbearbeitung), wird die Auswertung noch immer von Menschen erfolgen (müssen).

Onlinekurse können als Selbstlernkurse mit ausschließlich asynchronem Wissenserwerb konzipiert sein oder auch als virtuelle Präsenzkurse, deren synchrone Präsenzphasen z. B. durch Videokonferenzen oder gleichzeitige Anwesenheit in einem Chat oder Forum gestaltet werden. Es sind auch Kombinationen aus beiden denkbar.

Anwendungsfelder für reine Onlinekurse bestehen, wenn die Teilnehmer des Kurses geographisch weit verstreut sind oder es sich um ein hoch strukturiertes, gut abgrenzbares Themengebiet handelt, in dem die Teilnehmer mit gezielten, konkreten Fragen an den Kurs herantreten. Denkbar ist auch der Einsatz in universitären Fachbereichen mit sehr kleinen Teilnehmerzahlen, die durch Kooperation mit den gleichen Fachbereichen anderer Universitäten das Lehrveranstaltungsangebot aufrecht erhalten oder ausbauen können.

Die Herausforderung eines reinen Onlinekurses liegt weniger in der Wissensvermittlung, als vielmehr in der Betreuung und Kommunikation. Lernen ist ein sozialer Prozess und bezieht einen großen Anteil seiner
Merksatz Onlinephase.PNG
Motivation (in Präsenzveranstaltungen) aus der Interaktion der Studierenden untereinander und mit dem jeweiligen Dozenten. Daher gilt insbesondere hier: „So länger die Online Phasen, so wichtiger wird die teletutorielle Betreuung und der soziale Austausch zwischen den Teilnehmenden, um deren Motivation aufrecht zu erhalten.“[2]

Distance Learning Szenarien (z. B. Fernstudium), zu denen Online Kurse wohl auch gezählt werden müssen, leiden grundsätzlich an einem Nachlassen der Motivation im Laufe der Veranstaltung und einer hohen Abbruchquote. Um die Motivation aufrecht zu erhalten, bedarf es eines erheblichen Betreuungsaufwandes seitens der Tutoren und Dozenten, um den Studierenden das Gefühl zu vermitteln, in einer Gemeinschaft (Community) eingebunden zu sein. Es darf nicht das Gefühl des Alleingelassenseins und der Hilflosigkeit aufkommen. Wichtig ist, dass sich Studierende bei Fragen auf kurze Antwortzeiten verlassen dürfen. Nützlich ist dabei das Etablieren einer Kultur, in der sich Studierende bei Fragen gegenseitig unterstützen und so ein Teil der tutoriellen Arbeit an die Studierenden delegiert werden kann.

Durch eine intensive, kontinuierliche und verlässliche Betreuung kann den Nachteilen der Online-Phasen begegnet werden. So muss sichergestellt werden, dass mögliche Missverständnisse der Lernenden in Bezug auf den Lerninhalt schnell erkannt werden. Tutoren müssen Gruppenprozesse so moderieren, dass sie, ähnlich wie in Präsenzphasen, nicht durch die immer gleichen Personen dominiert werden. Sie müssen also gezielt alle Teilnehmer ansprechen, damit diese sich nicht entziehen.



  1. http://www.e-teaching.org/projekt/organisation/organisationsentwicklung/strategie/elearning_strategie
  2. http://www.bremer.cx/material/Bremer_Szenarien.pdf